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Sozialer Stress: Warum man in der Stadt häufiger psychisch krank wird - Neue Studie des Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
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INFODIENSTE | Gesundheitstips
Freitag, den 24. Juni 2011 um 06:32 Uhr

Hieß es im Mittelalter noch „Stadtluft macht frei“, ist inzwischen klar, dass in Städten geborene oder aufgewachsene Menschen eine höhere Wahrscheinlichkeit aufweisen, an psychischen Erkrankungen, wie Schizophrenie, Depressionen oder Angststörungen zu leiden. Bisher waren allerdings die dahinter stehenden Ursachen unbekannt. Die in der renommierten Fachzeitschrift nature am 23. Juni veröffentlichte Publikation von Andreas Meyer-Lindenberg, Florian Lederbogen, Leila Haddad, Peter Kirsch und ihren wissenschaftlichen Kollegen aus dem ZI gibt erste Hinweise für mögliche Zusammenhänge. Die Forscher untersuchten die Hirnaktivität mit Hilfe der funktionellen Bildgebung während einer sozialen Stresssituation.

Dabei entdeckten sie eine Gehirnregion, deren Aktivität von der momentanen Stadtumgebung abhing, und eine Region, die bei in der Stadt Geborenen stärker aktiv war. Da diese beiden Hirnareale für die Gefühlsverarbeitung und das Risiko an psychischen Erkrankungen zu leiden, wichtig sind, ist also sozialer Stress und seine Verarbeitung im Gehirn an den Auswirkungen des Stadtlebens auf die psychische Gesundheit beteiligt. Diese Befunde könnten in der Zukunft auch helfen, Städte zur Vermeidung psychischer Störungen besser zu planen.
Heute lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Prognosen gehen davon aus, dass 2050 sogar 69 Prozent aller Menschen in Städten leben werden. Urbanisierung als Veränderung der menschlichen Lebensweise hat eine ganze Bandbreite von sozio-kulturellen, sozio-ökonomischen bis städtebaulichen Fragestellungen zur Folge. Obwohl Städte viele Vorteile für die Gesundheit haben, sind die Auswirkungen des Stadtlebens auf die psychische Gesundheit eher negativ. Studien zeigen, dass in Städten 21 Prozent mehr Angststörungen und 39 Prozent mehr Depressionen auftreten. Für die Schizophrenie ist die Erkrankungshäufigkeit für Menschen, die in der Stadt geboren und aufgewachsen sind, sogar doppelt so hoch. Als eine der Hauptursachen wird in der Wissenschaft die Auswirkung von sozialem Stress diskutiert. Für diese Annahme liefert die neue Studie des ZI direkte Unterstützung.
Die Wissenschaftler am ZI untersuchten in drei Studien die möglichen Zusammenhänge zwischen Stadtleben und sozialem Stress. Die Studienteilnehmer mussten unter Zeitdruck Kopfrechenaufgaben lösen und wurden für ihre Leistung kritisiert, was erheblichen sozialen Stress auslöste. Mittels funktioneller Kernspintomographie (fMRI) wurden Teilnehmer aus Großstadt, Kleinstadt und ländlichem Gebiet miteinander verglichen. Zudem wurde unterschieden, ob und wie lange die Studienteilnehmer in der Stadt aufgewachsen waren. Die Ergebnisse zeigten, dass genau eine Hirnregion auf die Größe der momentanen Stadtumgebung reagierte: die Amygdala. Hier wiesen die Städter die höchste Aktivität auf, eine Aktivität die bis hin zu den „Landbewohnern“ abnahm. Die Hirnregion Amygdala ist mitverantwortlich für Angsterkrankungen, Depression und anderen - gerade in der Stadt auftretenden - Verhaltensweisen, wie beispielsweise Gewaltbereitschaft. Dagegen zeigten die „geborenen Städter“ die höchste Aktivität in einer anderen Hirnregion, dem sogenannten anterioren Zingulum (pACC). Diese Struktur reguliert die Amygdala und steht im Zusammenhang mit frühkindlichem Stress und der Verarbeitung negativer Emotionen.
„Unsere Studienergebnisse sind ein erster Hinweis auf ein Gehirnsystem für sozialen Stress, das dem Einfluss der Stadtumgebung auf psychische Störungen zugrunde liegen kann. Wir sind allerdings erst am Anfang, detailliert zu verstehen, wie unsere Umwelt auf unser Erleben und Verhalten einwirkt und damit auch wesentlich für die psychische Gesundheit ist. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse im Schnittpunkt von Psychiatrie, Neurobiologie und Sozialwissenschaften nicht nur für die medizinische Forschung, sondern auch für die Planung gesünderer Lebensumgebungen nützlich sind“, so Professor Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des ZI und der dortigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. (spa)

 

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