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Diese Frau strahlt, obwohl Jahrgang 1922 (feierte vor wenigen Tagen ihren 89. Geburtstag), eine unglaubliche Vitalität aus. Margarete Boiselle-Vogler oder die "Voglers Magret", wie sie von den Speyerer liebevoll genannt wird, entstammt einer seit 200 Jahren in Speyer ansässigen Familie, den Vogler-Bauern. Aufs Altenteil zu setzen kommt für die Frau mit dem brillanten Gedächtnis nicht in Frage. Dafür hat die immer noch aktive Geschäftsführerin der Firma Kies & Sandwerk Vogler viel zu viel Elan, ist bekanntermaßen zupackend und strahlt dabei einen unwiderstehlichen Charme aus. Sie ist nicht nur die Grande Dame der Speyerer Sozialdemokratie, wie sie nach ihrer Auszeichnung mit der Verdienstmedaille der Stadt Speyer am 20. November 2010 durch Oberbürgermeister der Stadt Werner Schineller bezeichnet wurde.
Nein, sie ist die große Dame der Domstadt schlechthin, eine Persönlichkeit, deren bewegtes Leben vor allem von zwei Dingen geprägt wurde: Von ihrer Arbeit im Stadtrat, in dem sie seit nunmehr 47 Jahren ununterbrochen auch in der zehnten Wahlperiode zum Wohle der Stadt Speyer wirkt. Neben der Arbeit in unzähligen Ausschüssen hat sie über Parteigrenzen hinweg immer mit viel Gerechtigkeitssinn ihr Amt ausgeübt und gedenkt, dies selbstverständlich bis ans Ende ihrer laufenden Amtsperiode zu tun - es werden dann 50 Jahre sein. Zum anderen fühlt sie sich seit dem zarten Alter von zwei Jahren dem Baustoff Kies verbunden, denn bereits damals nahm sie ihr Vater im Körbchen auf dem Rad mit zur Kiesgrube, wo der eingefleischte Ackersmann Vogler durch den Aushub von Sedimentgestein seit dem Jahr 1925 einen Nebenerwerb betrieb. Die Schicksalstunde der jungen Margarete, also der Bruch mit der traditionellen Rollenzuschreibung, schlug im zweiten Kriegsjahr, als der Vater das Geschäft mit dem Kies zugunsten des landwirtschaftlichen Betriebes "Voglerhof" in der Armbruststraße aufgab und der Lanz-Bulldog zum Verkauf stand, da es keine Fahrer mehr gab, sie mussten alle in den Krieg. Ihren lauten Protestruf: "Der wird nicht verkauft!" beantwortete Vater Vogler trocken mit "Dann fahr halt Du ihn!" Und so kam es. Obgleich Mutter Vogler die Hände rang, denn die schöngeistige Frau hatte ihrer Tochter, Schülerin des städtischen Lyzeums, mit Ballettunterricht und Tanz nach Bestehen der Reifeprüfung eine eher frauliche Rolle zugedacht. Aber das junge Mädchen sollte auch die männlichen Kritiker Lügen strafen. Ihre erste Transportfahrt mit dem Bulldog, eine Kohlenfuhre (noch mit dem Vater auf dem Beifahrersitz) überstand sie unbeschadet, ja sogar mit Bravour. Auch den von der Polizei geforderte Führerschein schaffte die nunmehr "dienstverpflichtete" junge Margarete mit "links", obgleich sie den Traktor mit angehängtem Möbelwagen nicht nur nach der Anfahrt via Gutenbergstraße durchs Altpörtel manövrieren musste sondern die Karosse danach postwendend rückwärts einzuparken hatte. Die Fahrerlaubnis Klasse II für den auf öffentlichen Straßen zugelassenen Lanz-Schnellläufer stellte sie jedoch bald vor gewisse Problemchen. In ihrer Erinnerung lebhaft blieben wegen des Mangels an männlichen Arbeitskräften jede Menge ungewohnter Auf- und Abladepflichten mit Schaukelfahrten über unebenes Gelände. (Tabak, Ziegel, Getreide, Zement und Kies) "Zweizentnersäcke herumzuhieven war für mich keine Ausnahme", erzählt die schon damals willensstarke und auch heute noch immer resolute Persönlichkeit. Ihr erster Großauftrag als Unternehmerin (1940) bestand im Transportieren von Zementsäcken aus Ludwigshafen zum Neubaugelände der Firma Siemens. Ihr Lebenselixier Kies musste sie, weil Vater Vogler die eigene Grube geschlossen hatte, stattdessen vom Speyerer Hafen an diverse Zielorte bringen. In die Kriegsjahre fiel auch ihre zweijährige Ausbildung an der Höheren Handelsschule. Dort lernte die Jungunternehmerin Steno, Englisch als Geschäftssprache sowie als wichtigtes Fach kaufmännisches Rechnen und Buchhaltung. Zeit zum Ent- beziehungsweise Ausspannen gab es für die junge Frau Vogler nur wenig. Sie widmete sich in ihren spärlichen Freizeitmomenten der Leichtathletik beim städtischen TSV Speyer, wo sie es im Fünfkampf zur mehrfachen Pfalzmeisterin brachte. . Noch mehr allerdings liebt sie Tennis, gehört seit über 75 Jahren dem tennisclub Weiß-Rot Speyer an. Obgleich die von der Mutter gewünschte Frauenrolle wegen der schweren Arbeit viel zu kurz kam, schuf sich Margarete doch in ihren wenigen Mußestunden einen gewissen Ausgleich und Abstand vom Transportwesen, indem sie ihre "Breeches" mit Kleid oder Rock vertauschte und sich zum Ausgehen schminkte. Nach Kriegsende - alleine die Rettung des Bulldogs vor den Begehrlichkeiten der zurückweichenden Wehrmacht sowie danach vor dem Zugriff der französischen Besatzung ist eine eigene Geschichte - kam das Kiesgeschäft erst mit der Währungsreform wieder in Gange. Obwohl der Vater nach dem Krieg zwar die Landwirtschaft immer noch als wichtiger ansah und sie in ihrer Erinnerung den Voglerhof nach wie vor mit einem Sammelsurium an Kühen, Schweinen und Pferden verbindet, bedeutete ihr das Kiesgeschäft mehr. Wegen des kräftigen Baubooms in der neuen Bundesrepublik stieg zudem der Bedarf an Baustoffen jeder Art sprunghaft an. Im neuen Minibetrieb war Margarete nun "Mädchen für alles". Obgleich der gesundheitlich angeschlagene Vater bis zu seinem frühen Tod so gut es ging mithalf war sie es, die baggerte, lud, transportierte und sich zudem noch um die Auswüchse eines erneut wild wuchernden Sankt Bürokratius zu kümmern hatte. Langsam, aber stetig ging es nun aufwärts mit dem Ausbau des Betriebes. Respekt verschaffte sich die Chefin durch Können und das Einbeziehen ihrer Mitarbeiter in wichtigen Entscheidungsprozesse. Margarete Boiselle erklärt dies folgendermaßen: "Die Männer konnten mir bei der Handhabung der Maschinen nichts vormachen - das hat ihnen mächtig imponiert. Ich sah und betrachte meine Rolle in der Firma stets als "Princeps inter pares." Das bedeutet, dass ich bei allen grundsätzlichen Entscheidungsfindungen meine Mitarbeiter miteinbinde. Damit bin ich immer gut gefahren." Die Erfahrungen der Nachkriegszeit habe sie in die Politik getrieben, erklärte sie. Besonders die ungerechte Entlohnung der schwer schuftenden Baustellenarbeiter brachte sie in Harnisch. Im Jahr 1953 wurde die Unternehmerin, Zeit Lebens Freundin der Speyerer Ehrenbürgerin Luise Herklotz, Mitglied der SPD und brachte sich in mehreren kommunalpolitischen Gremien ein. Ab 1960 hatte sie eine führende Rolle innerhalb der Partei. Schon bei ihrer ersten Kandidatur 1964 wurde sie in den Speyerer Stadtrat gewählt, dem sie seither angehört. Seit vielen Jahren ist Margarete-Boiselle Ehrenvorsitzende bei den Sozialdemokraten sowie Ehrenmitglied verschiedener Vereine. Im Jahr 2007 erhielt sie die Freiherr-vom-Stein- Medaille als Auszeichnung des Landes und im Vorjahr die Verdienstmedaille der Stadt Speyer. Einen besonderen Festtag feierte Margarete Boiselle-Vogler mit Tochter Gabriele im September vergangenen Jahres zum 200-jährigen Bestehen des Voglerhofes in der Armbruststraße. Die Liebe zu den Pferden hat sich den beiden Vogler-Frauen erhalten, denn sie haben zu den großen Vierbeinern ein ganz besonderes Verhältnis: Gabriele Boiselle, Fotografin und Verlegerin gibt seit 25 Jahren mit weltweitem Erfolg eine Edition von Pferdekalendern heraus, auf denen Pferde auf unvergleichliche Weise abgelichtet sind. Auch auf dem weitläufigen Gelände des Anwesens der Grande Dame kann man die eleganten Vierbeiner in trauter Gesellschaft mit Hunden und Katzen bewundern. Natürlich würde sie es alles noch einmal genauso machen: "Ich war meines Vaters Sohn und meiner Mutter Tochter", bekennt sie freimütig. Ihr innigster Wunsch ist es - wen mag es verwundern - ihren Arbeiten und Pflichten im Betrieb nachzukommen, solange sie lebt. (da/Foto: ks)
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