|
Seine zahlreichen Betätigungsfelder haben ihn zum Fachmann für erneuerbare Energien reifen lassen, für die er eine Lanze bricht. Die Rede ist von Ralf P. Stern, der sich am letzten Mittwoch bei einem Interview den Fragen von speyer-aktuell zur Thematik Energiewende stellte. Der im Jahr 1962 in Speyer geborene Diplomingenieur absolvierte in Ludwigshafen eine Ausbildung zum Kaufmann der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft und war bereits mit 21 Jahren selbständig in der Immobilienbranche tätig. 1991 nahm er das Studium Architektur- und Städtebau auf, dem er nach dem Abschluss den Wirtschaftsingenieur hinzufügte. Seitdem ist Stern in der Planung und Projektentwicklung der Gebäudewirtschaft tätig und seit vier Jahren europaweit in Bauvorhaben mit der Komponente erneuerbare Energie beruflich eingebunden. Zusätzlich befasst er sich mit der Entwicklung von Passivhäusern und wird als Immobilienbewerter sowie Bauschadensgutachter gerichtlich eingesetzt.
Frage: "Wir stehen hinsichtlich unserer Energieversorgung an einem Scheideweg, nämlich ob die bekannten vier Konzerne weiter den künftigen Weg bestimmen oder der Bürger bei den Entscheidungen mit eingebunden wird. Wie stehen sie dazu?" Stern: "Ich plädiere eindeutig für die dezentrale Energieversorgung, verteilt auf viele Schultern. Also für eine Demokratisierung eines Wirtschaftsbereiches, innerhalb dessen die Bürger mitgestalten können und aktiv beteiligt sind. Als Marktteilnehmer werden ihre kritischen Stimmen unüberhörbar sein. Dem Staat hingegen darf das Thema nicht mehr wie bisher überlassen werden." Frage: "Gegenüber den Erneuerbaren beherrschen gegenwärtig noch jede Menge Vorurteile die Szene bis hin zur Energielüge. Was muss ihrer Ansicht nach geschehen, damit beispielsweise dem Ausbau der Solarenergie mehr Beachtung zukommt?" Stern: "Wir brauchen eine Lösung für die Basis-und Speicherversorgung, und zwar länderübergreifend ohne regionale Abgrenzung. Kleinere Firmen können die Versorgung flexibler gestalten als die Monopolisten. Hinter der Absicht Offshore-Windräder zu favorisieren stecken weiterhin die großen Vier. Dies führt zwangsläufig zu einer Fortsetzung der Monopolisierung mit staatlicher Unterstützung, also zu einer Stärkung des Lobbyismus." Auch das Vorhaben Strom aus der Wüste (Desertec) würde erneut eine kostenintensive Form der Energieversorgung bedeuten, von der nur wenige, nicht aber die Einheimischen profitierten. Logistik sowie Transportprobleme und Sicherung der Anlagen in instabilen Regionen wären unumgänglich. Die Kraft der Sonne reicht auch hierzulande und woanders in Europa zur Energiegewinnung aus." Frage: "Es gibt noch andere technische Möglichkeiten Energie zu produzieren und zu sparen, wie zum Beispiel bei KSB oder beim Projekt "Strom aus der Straße", ein Patent von einem Mannheimer Erfinder, das im Gegensatz zu anderen Ländern in Deutschland keine Beachtung findet. Was halten Sie in diesem Zusammenhang von einer staatlichen Festschreibung, was gefördert wird, und was nicht?" Stern: " Der Flexibilität muss höchste Priorität zukommen. Die technische Entwicklung schreitet rasant fort. Was gestern noch aktuell war, kann heutzutage bereits überholt sein. Deshalb müssen bei Investitionen auch zukunftsweisrende Entwicklungen kleiner Erfinder berücksichtigt werden. Ich plädiere bei neuen Erfindungen für einen internationalen Erfahrungsaustausch, womöglich in einem Gremium, um die Energieversorgung auf der gesamten Welt einvernehmlich zu sichern, ohne dass Befindlichkeiten, staatliche und wirtschaftliche Hindernisse oder Interessen eine Rolle spielen." Frage:" Es gibt außer dem Szenario Atomkraft weitere Horrorversionen, die zur Zeit angedacht weden, wie der Methangasgewinnung aus dem Meer. Wie denken Sie darüber?" Stern: "Dies sind überaus kostenintensive Hirngespinste ehrgeiziger Forscher und führen am Thema vorbei." Frage: "Kann die Diskussion um eine rasche Energiewende in anderen Ländern in denen man noch zögert, durch den Vorreiter Deutschland eine positive Wende erfahren?" Stern: "Auch woanders gibt es genug kluge Köpfe, die sich dem nicht verschließen. Einer macht den ersten Schritt und die übrigen werden folgen." Frage: "Öl, Gas und Uran müssen bezahlt werden. Wie schafft man einen gerechten Ausgleich für die dortigen Produzenten, die ja auf den Transfer angewiesen sind?" Stern: "Die Einnahmen aus dem Energiegeschäft kommen meist nicht der Bevölkerung der betreffenden Länder zugute. Mit Geldern von Einsparungen bei uns könnten wir ärmere Regionen fördern, es uns gleichzutun. Energie dezentral erzeugen, heißt finanziell unabhängig werden, erzeugt und sichert Arbeitsplätze und beugt Konflikten vor. Die oligopole Energiewirtschaft mutierte zum Massenmarkt. Jeder nutzt diejenigen Gewinnungsform, die man zur Verfügung hat, (Wasser, Wind, Sonne et cetera) was ich für fortschrittlicher halte als Entwicklungshilfe." Frage: "Vielen ist nicht bewusst, was bei der Gewinnung von Energie der Umwelt alles zugemutet wird. Was lässt sich dagegen machen?" Stern: "Ein sorgsamer Umgang mit Energie entsteht durch Demokratisierungs-und Sozialisierungsprozesse, wenn man hautnah erleben kann wie sie produziert wird. Bis wir soweit sind, favorisiere ich die Forcierung der Kraft-Wärme- Koppelung. Auch die Kohlekraftwerksanlagen sind auf Dauer nicht zukunftsfähig." Frage:" Der Umdenkprozess wird nur mit einer politischen Systemänderung ermöglicht werden können. Wird das die Sache erschweren?" Stern:" Leicht wird es nicht werden. Auch ich denke, dass eine Änderung des bestehenden Systems unbedingt erforderlich ist. Die Demokratie muss einen kräftigen Impuls erhalten und somit vorangetrieben werden." (da)
|