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Felder werden künstliche Wüsten: Nicht nur Dudenhofener Landwirte spritzen Kartoffelpflanzen mit Herbiziden (Gift) tot - EU-Behörde weist 23 verschiedene Agrarchemikalien in nicht biologisch angebauten Kartofffeln nach
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NATUR UND UMWELT | NATUR UND UMWELT
Donnerstag, den 21. Juli 2011 um 12:54 Uhr

Immer seltener lassen sich die Jahreszeiten am Wechsel der Feldbestellung ablesen, denn beim Spaziergang über Feld und Flur will sich das vertraute Bild nicht einstellen. Beispiel Speisekartoffel: Ein Mißklang aus verheerend wirkenden, verwüsteten, abgestorbenen, bräunlichen Kartoffelkulturen ohne Grün, auch wenn dort eigentlich etwas wachsen müßte, geben Anlaß zur Sorge - so auch auf Kartoffelfeldern in Dudenhofen (siehe Foto). Doch statt extremer Sonneneinstrahlung, chemischer Verätzung durch Luftschadstoffe oder einer neuen Pflanzenkrankheit, wie man vielleicht denken könnte, steckt etwas völlig anderes dahinter. Eine Maßnahme der Landwirte, die sogenannte "Sikkation" (übersetzt: Austrocknung), bei der kurz vor der Feldfruchtreife ein chemisches Pflanzengift über die Felder gesprüht wird, das ein frühzeitiges Welken künstlich einleitet.

 

Ernteerleichterung bei Unkrautdurchwuchs oder Verhinderung einer Virusabwanderung aus dem Kraut bei Befall in die Pflanzkartoffeln sind andere Gründe für diese Krautminderung und Krautabtötung mittels der chemischen Keule. Auch rund um Dudenhofen wird diese fragwürdige Methode praktiziert. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der „ökonomischen Reife“, da durch den Einsatz der Krautabtötungsmittel eine sichere Terminierung des Ernteablaufes möglich ist. 
Auch der Arbeitsablauf der Rodearbeiten wird durch eine Sikkation verbessert, da eine eventuell vorhandene "Spätverunkrautung" beseitigt wird. Die Dämme trocknen ohne Bewuchs besser ab, wodurch eine verbesserte Siebfähigkeit des Bodens erreicht wird. Auch die Verschmutzungsgefahr des Erntegutes nimmt spürbar ab. Dazu  kommt die Erleichterung für die Bestellung der Folgefrucht.
Doch dies ist nur eine Seite der Medaille. Laut Umfrageergebnis des Eurobarometers der Europäischen Kommission waren schon im Jahr 2006 nahezu 70 Prozent der Deutschen besorgt über Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf Obst und Gemüse. Dabei denken sie an den konventionellen Einsatz von Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden, die schon seit vielen Jahren medienwirksam diskutiert werden. Die Sikkation, also das chemische Krautabbrennen bei Kartoffeln, ist jedoch vermutlich nicht ganz unabsichtlich wenig bekannt gemacht worden beziehungsweise in der Öffentlichkeit verbreitet, denn ein weiterer, nicht unbedingt vertretbarer Einsatz chemischer Mittel auf Lebensmitteln würde wohl bei den Verbrauchern auf Gegenliebe stoßen.
Die bekanntesten Sikkationsmittel sind Glyphosat (Bestandteil in  Round up-Produkten), Glufosinat-Ammonium (Basta/Liberty Link),  Diquat (Reglone), Carfentzarone (Shark) und Pyroaflufen (Quickdown).
Das bereits vorhandene Risiko, Pestizidrückstände mit der Nahrung aufzunehmen, wird durch Praktiken wie die Sikation durchaus erhöht. Aus den wenigen Fakten, die in dem aktuellen Jahresbericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2008 für Kartoffeln veröffentlicht wurden geht hervor, daß allein 23 verschiedene Agrarchemikalien nachweisbar in Kartoffeln vorkommen. Dies alles trotz der Verordnung über Höchstgehalte von Pestizidrückständen in oder auf Lebensmitteln. Darüber hinaus erhöht natürlich jeder zusätzliche Herbizideinsatz in der Folge den Gesamteintrag von Pflanzenschutzmittelrückständen im Gesamtpool der Lebensmittel und somit für den Verbraucher die Wahrscheinlichkeit, dass sich bei einer vielseitigen Ernährung Rückstände von Pflanzenschutzmitteln in seinem Organismus bis an die toxischen Grenzen addieren.
Weitere Nachteile sind die Mehrkosten für den Chemikalieneinsatz, Ernteverluste durch Fahrspuren bei der Überfahrt mit schwerem Gerät (Spritze und Traktor) sowie ein deutlich geringerer Erntezeitraum durch die beschleunigte Abreife, abgesehen vom möglichen Anstieg herbizidresistenter Arten.
Dass es auch anders geht sieht man bei Betrieben, die sich den Bioland- Richtlinien verpflichtet haben, wie beispielsweise dem Pappelhof bei Reichelsheim- Beienheim oder dem Hofgut Mechterheim. Diesen Landwirten ist die Anwendung von Giften untersagt. Hier wird, falls überhaupt erforderlich, das Kartoffelgrün mit einer speziellen Maschine auf mechanische Weise "abgeschlegelt", aber nur in Ausnahmefällen, wie Bertram Kalinke von der Hofgemeinschaft Mechtersheim unserer Zeitung erklärte: "Nämlich nur dann, wenn es sich dabei um eine uneinheitlich gereifte Fläche handelt, da marktgängige Kartoffeln eine feste Schale aufweisen müssen. Unsere Kunden wissen oder erfahren auf Nachfrage, dass die hier erzeugten Produkte etwas später erhältlich sind als die konventionell gereiften."
Der Verzicht vom Einsatz synthetischer Spritzmittel und Düngemitteln hat zwar zur Folge, daß geringere Erträge und vor allem höhere Ertragsrisiken zu erwarten sind, doch Bio-Landwirt Kalinke blutet, wie er sagt, jedesmal das Herz, wenn er an einem der künstlich mit Gift vertrockneten Felder vorbeikommt. (da/Foto: Privat)