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BAP – Halv su wild in Schwetzingen
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KURPFALZ | UEBERSICHT KURPFALZ
Dienstag, den 16. August 2011 um 05:58 Uhr

Von unserem Mitarbeiter
Harald Stein

BAP sind auf „Klassiker-Sommer-Tour“ und geben sich als gereifte, bisweilen sehr gelassen agierende Band, die den 3.000 Besuchern in  Schwetzingen einen musikalischen Querschnitt durch 35 Jahre Bandgeschichte serviert. Nach Milow sind die Kölner Jungs das Highlight am 2. Tag der Open-Air-Reihe „Musik im Park“. Nicht laut, nicht schnell und nicht hart, aber mit Spielfreude. Es scheint wie ein Wunder, dass die Bühne im Schlossgarten nicht in den Weltraum abhebt, um zwischen den Sternen zu schweben. Über drei Stunden steht Wolfgang Niedecken und Band auf der Bühne und unternehmen eine quirlige Reise durch drei BAP-Jahrzehnte beginnend mit „Nemm mich mit“, „Aff un zo“ und „Halv su wild“,  dem Titelsong des im März 2011 veröffentlichten Albums.

 

Auch andere Titel der neuen Platte machen sich sehr gut im Programm. Bei ihrer Tour schlagen die Deutsch-Rocker viele kritische und nachdenkliche Töne an; unpolitisch war Niedecken ohnehin nie. „Diego Paz wohr nüngzehn“ (Diego Paz war neunzehn) handelt von einem jungen Wehrpflichtigen im Falkland-Krieg  „einem wirklich extrem schwachsinnigen Krieg“, meint Niedecken. In „Noh Gulu“ (Nach Gulu) berichtet Niedecken, wie Flüchtlinge in Uganda jede Nacht in die Stadt Gulu fliehen, um nicht als Kindersoldaten für den Bürgerkrieg gekidnappt oder umgebracht zu werden. Dabei bleibt BAP immer authentisch, Niedecken war selbst in Gulu. Damals habe er Dinge erlebt, „die das Bitterste sind, was ich mir vorstellen konnte - ich konnte es mir nicht einmal vorstellen.“ Obwohl BAP und ganz besonders Wolfgang Niedecken nicht gerade eine ekstatische Bühnenshow auspacken, geht ihnen nicht der Spaß am Spielen abhanden. Das wird spätestens deutlich, als Anne de Wolff bewaffnet mit E-Geige die Bühne entert um gemeinsam mit BAP „Babylon“ zu spielen. Jetzt kommt so etwas wie eine gelöste Session-Atmosphäre von der Bühne, man lacht, man scherzt, man rockt. Niedecken und seine Mitstreiter strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, spielen ihre vielen Songs in puncto Tempo und Ausdruck sehr moderat. Da tut nichts weh, da stimmt technisch einfach alles. Gespannt sind viele auf die alten BAP-Hits wie, „Waschsalon“, oder „Ne schöne Jrooß“, Songs zu denen früher im Konzert immer besonders ausgelassen gefeiert wurde. BAP anno 2011 schalten einen Gang zurück, geben den Songs mitunter neue Arrangements und somit auch ganz andere Facetten. Das kann man künstlerische Größe und ausgeprägtes Selbstbewusstsein nennen, eben nicht auf irgendeinen Alt-Rocker-Revival-Zug aufzuspringen, der möglicherweise alsbald auf ein Abstellgleis geleitet wird. Gitarrist Helmut Krumminga lässt für „Alexandra“ die Saiten gleichsam abendrot glühen, Vorwärts peitschender Rhythmus und breite Gitarrenlinien mit ihren hellen Spitzen bilden ein Echo zu Niedeckens Gesangszeilen. Werner Kopal lehrt seinen Bass bei der Cover-Version „Autobahn“ das Fliegen, Michael Nass am Keyboard verpasst der „Kristallnaach“ mit dem penetrant hellen Hämmern eine angemessene Unheimlichkeit und Drummer Werner Zöller legt hierzu ein sicheres Fundament. Wolfgang Niedecken schließlich hält alles entschlossen und erfahrungssatt zusammen. Der Mann, der jetzt sein Haupt mit Mütze bedeckt, kann sich auf seine hochmotivierte Gang verlassen. Er ist nicht mehr der Talkmaster vergangener Tourneen, der vor jedem Song dessen Werden und Gedeihen schildert. Große Momente gibt es viele an diesem Abend, an dem ein sehr rockiges Programm geboten wird. Zur Zeit ihrer ersten großen Erfolge und ihrem bundesweiten Durchbruch zu Beginn der 80er-Jahre, spielten BAP, mit Ausnahme von Wolfgang Niedecken, noch in ganz anderer Besetzung. Sie galten als einer der heißesten deutschen Live-Acts. Damals rockte BAP noch schnell und teilweise auch laut und hinterließen nach ihren Konzerten ein schweißgebadetes bis an den Rand der Erschöpfung durchgerocktes, überglückliches Publikum. Die etwas älteren Rockfans erinnern sich noch an einen Wolfgang Niedecken um die 30 im  durchgeschwitzten Jeans-Hemd, Ärmel hochgekrempelt, Augen weit geöffnet und dann wurden mit Drum-Stick und Glocke oder alternativ einem Schellenkranz Band und Publikum angefeuert, bis der Körper nach mehreren Stunden Show sein Recht auf Ruhe und Flüssigkeitszufuhr einforderte. Die Fans im Schlosspark freuen sich, viele alte und auch neue Songs zu hören, klatschen mit, tanzen, lauschen andächtig oder liegen sich in den Armen. Alles etwas unaufgeregter und äußerlich weniger enthusiastisch als noch vor Jahren, aber auch die Fans sind älter geworden und lassen es etwas ruhiger angehen.
Über drei Stunden gibt BAP alles, bevor Frontmann Wolfgang Niedecken seinen Fans nass geschwitzt eine Liebeserklärung machte: „Wir singen in einer Sprache, die kein Schwein versteht - und trotzdem versucht ihr immer, dahinter zu kommen“. Auch wenn die Fans nicht jede Zeile der Kölschen Songs verstanden haben dürften: Frenetisch gefeiert haben sie die Gruppe trotzdem. Die Texte von "Aff und zo", "Jraduus" oder "Verdamp lang her" können die hiesigen BAP-Fans trotzdem mitsingen.
Fotos: Harald Stein