Von unserem Mitarbeiter
Harald Stein
Der dreitätige „Musik im Park“ im Schwetzinger Schlossgarten ist schon lange Tradition. Auch 2011 führt der Veranstalter „Provinztour“ durch ein abwechslungsreiches Programm. Mit Akustikgitarre bewaffnet steuert Milow zielsicher Richtung Mikrofon. Der Belgier mimt den „Opener“ bei diesem erfolgreichen Musikevent. Nach seinem obligatorischen „Aint Scared“ besetzen auch die restlichen Bandmitglieder ihre gewohnten Plätze. 16 Songs werden pfeilgerade in die Gehörgänge der 2.000 begeisterten Fans geschossen. Es stört niemand, dass die Setliste die gleichen Lieder enthält, wie vor 16 Tagen in Ludwigshafen. Gleiches Programm bei geänderter Lokation ist die optimale Garantie für einen erfolgreichen Abend.
An seinem eingängigen Softpop-Konzept hat sich nichts geändert. Ob federnder Countrysound, ironische Huldigung an sein Vorbild Neil Young bei „Canada“ oder die Valentinstag-taugliche Ballade „Out Of My Hands“, Milow findet mit seiner leicht verrauchten, angenehm weichen Stimme die richtige Mischung für den fast zweistündigen Abend unter Freunden. Die Erfolgsgeschichte des belgischen Singer-Songwriters könnte aus der Feder eines wenig originellen Drehbuchautors stammen. Vor sieben Jahren bestenfalls Insidern bekannt, katapultierte sich der Selfmademusiker über
Nacht an die Spitze der Charts und in die Herzen vor allem weiblicher Fans. Wie bei anderen Auftritten unterläuft Milow, bewusst oder versehendlich, deutliche Texthänger, die er milde lächelnd mit „Scheiße“ kommentiert. Dies lässt seine Fans aufjohlen und passt aber nicht ganz zum Image des charmanten Belgiers. Jonathan Vandenbroeck, wie der 30-jährige mit bürgerlichem Namen heißt, ist ein authentischer Sänger, der nicht frei von Fehlern ist und mit perfektionistisch-unterkühltem Popeinerlei nicht zu tun haben will. Ganz ohne Technik geht es aber offensichtlich doch nicht, denn Milow wünschte sich statt altmodischen Feuerzeugen romantische Stimmung durch das Schwenken der leuchtenden Handy-Displays. Mit seiner Liveversion des 50 Cent-Covers, die sich über sechs Minuten zieht, schaffte er es, das Publikum zu fesseln. Der schmächtige Glatzkopf besitzt ein glänzendes Gespür für Dramaturgie, nachdem der Schmusebarde „Ayo Technology“ als Konzerthöhepunkt in eine elektronisch auffrisierte Mitsing-Partydampflock verwandelt. Dennoch scheint Milow Gefühl für runde Kompositionen zu haben: Melancholisch-sehnsüchtig, positiv-treibend, ein warmes Gefühl. Doch er kann auch sanft und introvertiert. Bei den ruhigeren Akustiknummern, vielfach veredelt durch dreistimmige Harmonien und Slide-Gitarre, kommt seine Stimme voll zur Geltung. Der Einfluss von Country und Americana von James Taylor und Crosby, Stills & Nash wird hier besonders deutlich. Spätestens mit „Building Bridges“, dem Song über vergebene Chancen im Leben, macht Milow ernst und wirft beim Hörer ein Kopfkino an, das mit der Jugenderinnerung „Rambo“, dem Großstadt-Drama „Move To Town“ rasch vom
Kurz- zum Spielfilm wird. Die politischen Heimatschelte „The Kingdom“ singt er als Belgier, den die Zerrissenheit seines Heimatlandes bekümmert. Bei Bedarf rekapituliert der studierte Politologe auch gern die Geschichte von den Flamen und den Wallonen, die einfach nicht zu einem Volk zusammenfinden wollen. „You And Me“, ein typischer Milow-Song, der sich durch eine ausgefeilte Komposition und federnde Grooves auszeichnet, erinnert an Paul Simon. In dem etwas ungewöhnlichen Liebeslied wünscht er sich seine Freundin ganz klein, damit er sie auf Tour in die Taschen stecken kann oder etwas dicker, damit er sie nicht mehr so vermisst.
Milow ist längst Synonym für eine charismatische Stimme, unwiderstehliche Hooks und gehaltvolle Arrangements. Er ist auf dem Boden geblieben. Von Starallüren keine Spur. Ein freundlicher, bescheidener Typ. Und witzig dazu. Nur eins nimmt er sehr ernst – seine Musik. Fotos. Harald Stein
|