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Vor 300 Jahren brennendes Speyerer Gutleuthaus mit Milch gelöscht - Weiberbratenverein im Erzählcafé
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SPEYER | Uebersicht Speyer
Montag, den 09. Januar 2012 um 07:33 Uhr
Vor genau 306 Jahren wurde das brennende Gutleuthaus  in  Speyer   von Milchfrauen aus Berghausen gelöscht. Durch das beherzte Eingreifen von 59 Berghäuser Milchfrauen wurden die Lebrakranken und ihr Gutleuthaus gerettet. Wie in der Gutleuthaus-Allmosenrechnung  Anno 1716 vermerkt ist, erhalten die Frauen von Berghausen für die „rettende Tat“ jedes Jahr ein Legat von 14 Pfund(7kg) Ochsen und 14 Pfund Schweinefleisch. Dramatiker Martin Greif, Volkskundler Dr. Albert Becker und viele andere loben die Hilfsbereitschaft der Frauen in Gedichten, Berichten und Liedern.

Seit dem wird alle fünf Jahre wird in Berghausen das „ Weiberbratenfest“ gefeiert.
Den zeitgeschichtlichen Hintergrund zeigte der ehemalige Beigeordnete Richard Entzminger anhand einer Foto-Show und Gebietskarten aus dem 16. Jahrhundert auf.
Das brennende Speyer von 1689 infolge des „Pfälzischen Erbfolgekrieges“(Erbe v Lieselotte von der Pfalz wurde von Ludwig XIV. verlangt). Weiter brachte der „Spanische Erbfolgekrieg“ Zerstörung, große Not und furchtbares Elend über unsere Heimat, so Entzminger.
Gruppenfotos von Weiberbratenfesttagen ab 1901 mit bis zu 300 Frauen verdeutlichten die Bedeutung des Festes. Die Oberbürgermeister Dr. Christian Rosskopf, Werner Schineller und Hansjörg Eger überbrachten jeweils das Legat der Stadt Speyer.
Ingrid Simon, Edith Gegenhuber, Margarete Kögel und Inge Walburg in  historischer Winterkleidung mit Milchkübeln aus Holz, stellten die Verbindung zu 1706 her…..
Wie Frau Simon unterhaltsam erzählte, stand das „ Gutleuthaus“ ( für Menschen mit ansteckenden Krankheiten z.B. Lebra) an der heutigen „Germersheimer Straße“, die bis ins 18. Jh. „ Gutleutweg“ hieß. (Bei der Neutrassierung der Lstr. 507/ B9/B39 wurden Mauerreste und Gräber gefunden).
Im eiskalten Januar 1706, alle Bäche waren gefroren , gingen 59 Milchfrauen nach Speyer um dort Milch zu verkaufen. Als die Frauen Rauch und Flammen am „Gutleuthaus“ sahen, handelten sie schnell, indem sie mit der Milch das Feuer löschten. Bewohner und Haus wurden gerettet. Dafür erhielten sie immer am 6. Januar die besagte Fleischmenge mit einem „Trunck“ Wein im Gesamtwert von ca. 5 Gulden, so die Gutleut- Allmosenrechnung von 1716. Der „Braten für die Weiber“ wurde dann von Berghäuser Frauen verspeist.
In den französischen Revolutionsjahren ( 1794- 1814) war das Legat ausgeblieben. Die Frauen  schrieben an das königliche Landkommissariat,“ dass die Regierung das Hospital
(Bürgerhospital als Träger der Gesundheitsfürsorge) zur Entrichtung der Gratification veranlassen solle“.
Im Jahre 1799, so Simon, wurde von der franz. Verwaltung angeordnet, das Legat „ solle in Geld von der Bürgerhospital-Stiftung“ ausbezahlt werden.
Seit 1949 wird der jeweilige Oberbürgermeister von Speyer zum Festakt eingeladen, wobei das „Legat“ mit der Bemerkung,“ ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“, übergeben wird.
Berghäuser Milchfrauen in Medien des 19/20. Jahrhunderts.
Wie Edith Gegenhuber ausführte, wird über die Taten der „Berghäuser Weiber“in vielfacher Weise berichtet. Über ein halbes Dutzend Gedichte „lobpreisen die Hilfeleistungen für Notleidende“.
Bereits 1844 verfasste Christian Heinrich Gilardone „Die Weiber von Berghausen“.
Die bekannteste Fassung schuf der 1834 in der Webergasse zu Speyer geborene Dramatiker
Friedrich Hermann Frey, der sich ab 1882 den Künstlernamen Martin Greif zulegte ( Im April 2011 wurde in der Pfaffengasse eine Martin- Greif- Stube eingerichtet).
„ Die Frauen von Berghausen“ von Frey, stammt wohl aus der 2. Hälfte des 19. Jhd., wurde erstmals in dem Berliner Familienblatt „Die Gartenlaube“ veröffentlicht und 1902 in der „Neue Lieder und Mähren“ Sammlung Frey´s  abgedruckt.
In vielen Schulbüchern war das Gedicht vorzufinden, zu lernen und kann noch heute von den 60-70-jährigen mit allen Versen  rezitiert werden. Frau Gegenhuber konnte beim Vortrag den strengen Winter 1706, das entschlossene Handeln der Milchweiber den Zuhörern anschaulich vermitteln.

Der Weiberbraten in unserer Zeit…..
Margarete Völcker erklärte, dass nur verheiratete Frauen am Festmahl teilnehmen dürfen. Danach geht es mit Musik durch das Dorf, um besonderen Persönlichkeiten eine Aufwartung zu machen. Den Zuschauern wird als „ Milchersatz“ Narrenberger-Wein (Flurnamen) angeboten.
Aus bayrischer- und französischer Zeit bestehen noch Teilnehmerlisten, denn das hohe königlich-bayrische Bezirksamt genehmigte das „ Weiberfest“ erst, nachdem die Namen der Frauen mit Unterschrift vorlagen. Fünf-Markzwanzig kostete die Genehmigung.
Am Abend durften auch die Männer beim Festball mittanzen. Die „ Tanzlustbarkeit war bis Sonntag 6.00 Uhr beschränkt“, so Völcker.
Von 1911- 1921 und während des II. Weltkriegs fielen die Feste aus. Seit 1949 wird alle fünf Jahre wieder kräftig gefeiert, die Fahne geweiht, Kleidung geschneidert und auf Vorschlag von Bürgermeister Kögel am 22.8.1969 der „Weiberbratenverein“ gegründet.
So berichtete die Vorsitzende Inge Walburg, welche die Vorstandstradition der Straub/ Walburg Familien fortsetzt.
Für Berghausen war die 300-Jahrfeier  2006 der Höhepunkt. Bei herrlichem Sonnenschein zog ein umfangreicher Festzug durch das Dorf. Angeführt von den „Jubiläumsschärpen“und der neuen Samtfahne mit Silberfadenstickerei. Dabei Bürgermeister
Manfred Scharfenberger mit Gattin im edlen Gewand des Fürstenpaares Thurn und Taxis, die einst als hohe Gäste dem Fest beiwohnten. Königsbesuch aus Edenkoben, alte Hochzeitszüge mit schwarzen Brautkleidern, junge Nachwuchskräfte im „Milchkannenlook“, das Gutleuthaus- Modell und der Speyerer- Festwagen; letzterer als Dank für die jährliche Teilnahme am Brezelfestumzug.
Inge Walburg und ihr Team unterstützen soziale Aufgaben, spenden für  krebskranke-, strahlengeschädigte Kinder und seit der Gründung die „Lebenshilfe“.
Karin Ruppert lobte die damalige und heutige Tätigkeit der Weiberbratenfrauen. Sie trug ihr
Weiberbratengedicht in Pfälzer –Mundart vor, in dem der enttäuschte Mann einer Milchfrau
von 1706 beruhigt wird.
Herzlich bedankte sich Moderator Karl-Heinz Jung beim Weiberbratenteam, lobte die Vorbildfunktion, die auch für die Mitmenschen immer Bestand haben sollte. (spa/Foto: Privat)